Cevin Chan
10.11.2017

GaloppOnline Interview mit unserem neuen Mitarbeiter Cevin Chan

GaloppOnline.de: Als Sie den letzten Sprung nahmen und Ihnen der Sieg nicht mehr zu nehmen war, hat man sehen können, dass es ein sehr emotionaler Augenblick war. Was ist Ihnen auf den letzten Metern Ihrer Laufbahn durch den Kopf gegangen?

Cevin Chan: Ich habe das Ende meiner Karriere immer etwas vor mir hergeschoben und mich nie so sehr damit befasst. Nach dem letzten Sprung kam dann vieles hoch. Dann kann man seine Emotionen nur schwer kontrollieren. In diesem Moment war mir dann auch bewusst, es ist vorbei.

GaloppOnline.de: Ihren Championats-Titel konnten Sie jedoch nicht verteidigen. Ein kleiner Wermutstropfen?

Cevin Chan: Klar. Als Sportler will man immer Champion werden. Leider hat es am Ende nicht funktioniert, doch ich gönne Sonja (Anm.d.Red. Daroszewski) den Titel.

GaloppOnline.de: Sie sprechen Sonja Daroszewski an, die wirklich ein tolles Jahr hatte. Trauen Sie ihr zu, die Hindernisszene, ähnlich wie Sie, über Jahr zu dominieren?

Cevin Chan: Sie hat in jedem Fall schon mal durchgehalten. Sie reitet ja auch schon länger. Und wenn sie auch in Zukunft die richtigen Pferde bekommt, dann kann das klappen. Natürlich muss sie jeden Tag dazulernen. Das war bei mir auch so. Ich habe Tag für Tag etwas Neues gelernt.

GaloppOnline.de: Ihr Entschluss, die Karriere nach dieser Saison zu beenden, kam für die meisten überraschend. Wann hatten Sie den Entschluss gefasst, die Stiefel an den Nagel zu hängen?

Cevin Chan: Das war keine langfristige Entscheidung, eher eine, die in den letzten Monaten gefallen ist. Es bot sich mir eine neue Möglichkeit, die ich nicht ablehnen konnte.

GaloppOnline.de: Sie sprechen Ihre neue Stelle auf dem Gestüt Fährhof an?

Cevin Chan: Ja. Wobei ich direkt bei Herrn Jacobs angestellt bin. Auf dem Fährhof bin ich nun Assistent und Vertretung für Simon Stokes. Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich natürlich auch bei der Familie Baum bedanken. Während meiner Zeit in Hannover habe ich einiges mitgenommen und viel gelernt.

GaloppOnline.de: Was wird konkret Ihr Aufgabengebiet auf dem Fährhof sein?

Cevin Chan: Wie Simon kümmere ich mich um die Rekonvaleszenten und die Jährlinge. Später wird dann bestimmt auch die Auktionsvorbereitung zu meinen Aufgaben zählen. Aber Herr Jacobs ist weltweit aktiv und so besteht bestimmt die Möglichkeit sich auch dahingehend weiterzubilden.

GaloppOnline.de: Sie waren insgesamt sieben Mal Champion und im Hindernismetier eine der prägendsten Akteure der letzten Jahre. Dennoch gibt es sicherlich ein absolutes Highlight?

Cevin Chan: Das war ganz klar der Gruppe I-Sieg mit Kazzio im Gran Premio in Meran, ohne Frage.

GaloppOnline.de: Kazzios Trainer ist Pavel Vovcenko, Ihr Lehrmeister. Ihm haben Sie über die gesamte Zeit Ihrer Karriere die Treue gehalten. Einen Grund zu wechseln gab es nie, oder?

Cevin Chan: Nein. Ich habe mich bei Pavel immer sehr wohl gefühlt und danke ihm für all die Jahre. Ich bin in Hamburg in der Nähe der Rennbahn geboren und wollte nie etwas anderes werden als Jockey. Auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz habe ich viele Absagen bekommen, doch Pavel hat mich direkt genommen. Ich habe ihn angerufen und er hat in seiner lockeren Art gesagt ‚komm einfach vorbei.‘ Pavel und auch Otto-Werner Seiler haben mich immer wieder gepusht, auch wenn es mal nicht gut lief. Sie haben mich mit Pferden sowie Rat und Tat unterstützt.

GaloppOnline.de: Ihren ersten Ritt über Hindernisse absolvierten Sie am 28. Oktober 2007, zuvor starteten Sie dreimal auf der Flachen. Ihre Karriere sollte in den folgenden Jahren aber dann vornehmlich auf der Hindernisbahn stattfinden. Sicherlich auch als Resultat Ihrer Körpergröße und dem damit verbundenen Gewicht?

Cevin Chan: Ich bin 1,78 Meter groß und dadurch irgendwann einfach zu schwer geworden.

GaloppOnline.de: Dennoch gewannen Sie auch 85 Rennen auf der Flachen.

Cevin Chan: Ich bin total gerne auf der Flachen geritten und habe schöne Sachen mitgemacht. Ich war unter anderem im Ungarischen und im Slowakischen Derby dabei

GaloppOnline.de: Leider spielt der Hindernissport in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Rennsportnationen nur noch eine untergeordnete Rolle. Wo sehen Sie Gründe dafür?

Cevin Chan: So wie ich es mitbekommen habe, wollen viele Rennvereine keine Hindernisrennen mehr veranstalten, da die Pflege und Instandhaltung der Bahnen und der Hindernisse zu aufwändig ist. Außerdem gibt es in Deutschland kein richtiges Konzept. So müssen hier gleich die jungen Pferde gegen die Älteren antreten. Ich glaube, die Leute wollen Hindernisrennen sehen, deshalb werden sie auch oft als letzte Prüfung entschieden. Nur wetten wollen sie nicht, da sie immer befürchten, ihr Pferd könne fallen.

GaloppOnline.de: Sie blieben trotz der Möglichkeit, ins Ausland zu gehen, in der Heimat, auch wenn sich hier nicht allzu viele Möglichkeiten boten, Hindernisrennen zu reiten. Hat es Sie nie in den Fingern gejuckt, den Schritt in ein anderes Land, zum Beispiel Irland, zu wagen?

Cevin Chan: Doch auf jeden Fall. Ich habe Ruby Walsh in Meran kennengelernt, der dann den Kontakt zu Willie Mullins hergestellt hat. Ich hatte 2016 die Möglichkeit, bei ihm über Winter zu reiten. Ich hatte Ruby schon kontaktiert, alles war klar, aber dann verletzte ich mich.

GaloppOnline.de: Aber Deutschland während Ihrer Karriere den Rücken zu kehren, um im Ausland zu arbeiten, kam nie Frage?

Cevin Chan: Dafür bin ich zu heimatbezogen. Klar, es gab Leute, die gesagt haben, ‚mach das‘, aber ich war immer zufrieden in Deutschland, hier ist meine Familie.

GaloppOnline.de: Die nächsten Fragen sind  ja fast obligatorisch. Was werden Sie am aktiven Sportlerleben am meisten vermissen?

Cevin Chan: Rennen zu reiten und den Wettkampf zu suchen. Ohne Wenn und Aber. Das war es, was ich immer wollte.

GaloppOnline.de: Und auf was freuen Sie sich besonders?

Cevin Chan: Etwas zu essen, auf das man Lust hat, auch mal an einem Freitag.

 

Quelle: galopponline.de